Falkenorga



Autor Thema: Die Reise über den Pass  (Gelesen 1013 mal)

Alessariel

Die Reise über den Pass
« am: 17.Januar.2013, 03:30:27 »
(Da ich ab morgen auf dem Gelände bin und dann keine Zeit mehr habe, hier zu schreiben, werde ich die Reise über den Pass einfach als Erzählung schreiben.)

Über den Tag wurden Fargur und Hargon von mehr als 30 Reisenden angesprochen. Die Verhandlungen waren teils zäh, doch Fargur ließ sich nur bei Bewaffneten auf einen Nachlass von 5 Kupfern ein, alle anderen mussten den vollen Preis zahlen.

Den nächsten Tag verbrachten die Reisenden damit, sich mit reisetauglichem Proviant einzudecken. Viele ließen ihre Stiefel noch einmal beim örtlichen Lederer flicken und neu beschlagen. Fargur empfahl ihnen auch, sich lieber noch mit einem zusätzlichen Wollmantel einzudecken, sowie großen Wasserflaschen aus Leder und Fell, Fell-Handschuhen, einem Paar Steigeisen für die Stiefel und Seil, falls sie sich abseilen mussten.
Die Reisegruppe war sehr gemischt. Es waren sogar einige Elfen darunter, viele Abenteurer, eine große Reisegruppe, die gemeinsam über den Pass wollte, mehrere Ordensmänner, eine Köchin mit ihren zwei Mägden und einem Proviantwagen, sowie eine Gruppe Barden.
Anscheinend hatte die Größe der Gruppe vielen Mut gemacht, die schwierige Überquerung zu wagen - oder aber es trieb sie ein so grimmiges Schicksal, dass sie keine andere Wahl hatten.

Die Köchin Rosa sah man nur noch vereinzelt und sie hatte rote Augen, so als habe sie geweint. Auch die Zwillinge Syrie und Demona wirkten niedergeschlagener als sonst.

Endlich kam der Tag der Abreise. Frühmorgens um sechs Uhr, als der Tag noch nicht einmal daran dachte, heraufzudämmern, traf sich die Gruppe vor der Taverne zum schwarzen Eber. Alle waren wohl ausgerüstet. Als die Gruppe da stand und auf ihren Führer wartete, begann es zu schneien. Sacht schwebten Flocken vom Himmel herab. Diejenigen, die die Berge kannten, schüttelten sorgenvoll die Köpfe und deuteten dies als schlechtes Omen.

Fargur kam zehn Minuten später aus der Taverne, mit einer geröteten Nase und leicht glasigen Augen. Er trug drei Umhänge übereinander, einen Filzhut und einen großen Rucksack und hatte einen Stock mit einer Eisenspitze in der Hand. Er musterte die Gruppe wortlos, besah sich jeden einzelnen, nickte dann und ohne ein weiteres Wort schritt er voran und erwartete, dass man ihm folgte.

Die Gruppe ließ Eberstedt und das bißchen, was es an Zivilisation verkörperte, schnell hinter sich. Eberstedt grenzte nur auf einer Seite an Wald, die den Bergen zugewandte Seite war eine Heidelandschaft, die schnell in sanfte Hügel überging. Der Schnee tanzte hier bereits um die Gruppe herum.
Der Weg war hier noch eben und breit, der Boden hart und trocken, so dass die Gruppe schnell vorankam. Der Wind fegte den Schnee über den Weg und ließ ihn tanzende Wirbel bilden. Das sah hübsch aus, doch ließ es erahnen, dass ihnen im Gebirge stärkere Winde bevorstehen mochten.

So wanderten sie den Morgen und den Vormittag ohne große Probleme hindurch. Der Weg stieg nun bereits deutlich an, und zu beiden Seiten erhob sich die hügelige Vorgebirgslandschaft. Der Blick über die Landschaft war atemberaubend. Trotz des leichten Schneefalls konnte man weithin bis zum Gebirge sehen, dessen Spitzen in den tiefhängenden Wolken verschwanden. Die Gruppe rastete im Windschatten eines Birkenhains, bevor Fargur sie weitertrieb. Sie mussten heute den Weg zur ersten Rasthütte schaffen. Der Weg stieg nun merklich steiler an, und die ersten Reisenden kamen ins Schwitzen.

Es hatten sich schnell Grüppchen gebildet, die miteinander schwatzen, während sie liefen, doch als die Berge ihren vollen Ernst zu zeigen begannen, wurden diese Gespräche seltener und angestrengter. Fargur achtete darauf, dass sich die Gruppe nicht zu weit auseinander zog. An diesem ersten Tag schlug er ein mittleres Tempo an, dass die langsamsten noch gut durchhalten konnten, während die schnelleren etwas unterfordert waren. Er wusste, sie würden ihre Kräfte noch brauchen.
Am späten Nachmittag erreichten sie die Baumgrenze. Dadurch, dass die Landschaft hier sowieso wenig Bäume aufwies, hätte man von hier aus noch immer bis nach Eberstedt hin sehen können, wenn der Schneefall nicht deutlich zugenommen und das Dorf schon vor langem in weißen Flocken verborgen hätte.
Inzwischen bedeckte der Schnee den Boden schon locker mehr als eine Hand hoch und wurde harschiger. Das machte das Gehen schwieriger und die Gruppe drosselte ihr Tempo merklich.

Dann bog die Gruppe um einen höheren Bergausläufer herum und die Wisperberge türmten sich dräuend vor ihnen auf. Sie waren nun im Schatten der Berge angekommen und langsam senkte sich dieser Schatten mit der heraufziehenden frühen Dunkelheit des Winters über ihre Herzen und Gemüter. Mancher musste an die Geschichten denken, die Idris der Jäger erzählt hatte und fragte sich, wieviel Wahrheit wirklich darin stecken mochte.

Fargur lies sie nun ein schnelleres Tempo anschlagen, um noch so viel Weg wie möglich bei Tageslicht zu schaffen. Der Wind nahm zu, als die Sonne hinter den Wisperbergen verschwand, und die Temperatur fiel merklich. Durch den Schnee wurde es nicht richtig dunkel, doch die tintenschwarzen Felsen zwischen den Schneewehen waren auch keine sonderlich guten Orientierungspunkte. Fargur schien sich anhand von Steinpyramiden, die am Wegesrand aufgeschichtet worden waren, sowie von kahlen, unbehauenen Stämmen, die man mühsam in den gefrorenen Boden eingegraben hatte, zu orientieren.

Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit erreichten sie endlich die erste Rasthütte und hatten damit die erste Etappe überstanden. Die Rasthütte war ein flaches Gebäude aus grob behauenen Stämmen, dass sich an einen großen Felsen schmiegte. Im Inneren lag eine dichte Schicht muffiges Stroh und im hinteren Drittel war bis zur Decke hoch Holz gestapelt.
Es gab drei Feuerstellen, alle mit einem geschützten Rauchabzug. Die Hütte selbst war in drei Kammern unterteilt, die durch dreiviertelhohe Holzwände voneinander abgeteilt waren. Sie bot einer so großen Gruppe gerade noch genug Platz, aber sie mussten zusammenrücken. Schnell wurden Feuer entzündet. Es gab Steintröge an den Innenwänden und Eimer, mit denen man Schnee von draußen hereinholen und darin tauen konnte.

Schnell hatten sich die unterschiedlichen Gruppen auf die drei Kammern verteilt und man wärmte sich am Feuer auf und teilte den Proviant. Fargur blieb für sich und nahm immer wieder große Schlucke aus einer Lederflasche, die er aus Eberstedt mitgebracht hatte, und die offenbar kein Wasser enthielt.

Manche Reisenden versuchten, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, doch er lehnte es ab, irgendwelche Geschichten zu erzählen.
Er teilte nur die Wache ein, die stündlich abgelöst werden würde, und empfahl allen übrigen, sobald als möglch schlafen  zu gehen, denn der morgige Tag würde anstrengend werden.
« Letzte Änderung: 17.Januar.2013, 03:33:27 von Alessariel »

Alessariel

Re: Die Reise über den Pass
« Antwort #1 am: 17.Januar.2013, 04:05:16 »
Während der Nacht konnten die Wachenden Wolfsgeheul hören, das hungrig aus den Bergen zu ihnen herüber klang. Doch es war weit genug entfernt, dass kein echter Anlaß zur Sorge bestand, auch wenn mancher im Traum Besuch von riesigen weißen Wölfen mit rot-glühenden Augen erhielt.

Am frühen Morgen nahmen Wind und Schneefall zu und als die Gruppe nach einem kurzen Morgenimbiß abmarschbereit war, lagen bereits über zwanzig Zentimeter Schnee draußen.
Sie blieben an diesem Vormittag näher zusammen, um sich im Schneetreiben nicht aus den Augen zu verlieren. Der Weg wand sich nun die Berge hinauf und war zwar noch immer breit genug, um problemlos begehbar zu sein, doch in manchen Kehren fiel der Abhang daneben nun schon bedrohlich steil ab. Unter dem lockeren Neuschnee lag eine Schicht harschigen Eises, das jeden Schritt zu einem Glücksspiel machte. Die Gruppe verlor Zeit, da sie sich vorsichtig vorantasten musste und man hörte Fargur von Zeit zu Zeit leise fluchen, während er mit seinem Stab im Schnee stocherte. Das Mittagessen mussten sie daher im Gehen einnehmen und es war eine unangenehme Angelegenheit.

Einige der unbedarfteren Reisenden hatten es versäumt, ihre Flaschen in der Rasthütte mit frischem Wasser zu füllen. Sie mussten während des Gehens Schnee in ihren Mündern schmelzen. Bereits nach Mittag konnten sie immer wieder Wolfsgeheul hören, dass nun näher zu sein schien als in der letzten Nacht. Bald darauf passierten sie die ersten Gräber.

Viele erkannten die Hügel erst nicht als das was sie waren. An Stellen, wo der Wind ungehindert Zugang zu ihnen hatte, waren sie als größere Steinhaufen sichtbar, dort, wo er den Schnee nicht fortfegte, nur als beunruhigend regelmäßige Erhebungen unter dem Schnee. Fargur schüttelte nur den Kopf, als man ihn fragte, wer hier begraben läge. Er ließ sich nur dazu hinreißen, zu sagen, dass nicht die Gräber, die man hier sehen könne, das erschreckende seien, sondern die Gräber, die man nicht sähe.

"Auf jeden, für den hier ein Steinhaufen aufgeschichtet wurde, kommen drei, die in Felsspalten verschwanden, die sich ein Bein brachen, abstürzten, oder die einfach erfroren und vom Schnee zugedeckt wurden." grollte er. "Also achtet auf Eure Schritte!"

Das Schneetreiben nahm zum Nachmittag hin zu und wurde schließlich so dicht, dass Fargur befahl, die Reisenden mögen sich mit Seilen aneinander binden, damit keiner verloren gehen konnte. Er selbst bildete die Spitze der Gruppe und prüfte vorsichtig jeden Schritt. So tasteten sie sich durch das blendende Weiß und nahmen kaum etwas wahr von den Bergen die sich inzwischen um sie herum auftürmten.

Zumindest solange, bis der Wind seine Stimme änderte.

Erst war es nur ein Pfeifen, ein merkwürdiger Unterton im Wind. Sie passierten immer wieder große Felsformationen voller merkwürdig geformter Löcher, die kurz aus den wirbelnden Flocken auftauchten und ebenso schnell wieder darin verschwanden.

Bald konnte auch der Taubste es nicht mehr ignorieren - der Wind besaß eine Stimme. Mal schien er sanft zu säuseln, mal schrie er mit tausend Zungen. Mal konnte man glauben, eine bestimmte Stimme zu erkennen, mal war es mehr ein Stöhnen oder vielleicht der Seufzer einer Geliebten.

Das Phänomen, das dem Pass seinen Namen gegeben hatte, wurde durch Gewöhnung nicht etwa besser, sondern schlimmer. Bald erschienen die Stimmen im Wind immer klarer, bis einige sogar vermeinten, Wörter und ganze Sätze verstehen zu können. Es dauerte nicht lange, bis der eine oder andere leise antwortet, weil er eine Stimme wiederzuerkennen glaubte.
Doch erst als ein Abenteurer beinahe einen Abhang herabgestürzt wäre, weil er glaubte, die Stimme seiner Tochter zu vernehmen, die in der Ferne um Hilfe rief, gebot Fargur ihnen Einhalt. Er ließ sie im Schatten einer Felsformation rasten und kurz ausruhen, während er zu ihnen sprach.

"Ich weiß, was in Euch vorgeht. So geht es jedem, der den Pass zum ersten Mal überquert, aber auch denen, die das schon zwanzig Mal und mehr getan haben. Der Wind ruft Euch, mit den Stimmen derer, die Eurem Herzen nahe aber Euren Leibern fern sind. Er spricht mit den Stimmen von Lebenden und Toten, von Müttern und Vätern, Töchtern und Söhnen, lang verflossenen Geliebten oder treuen Partnern und Freunden. Es ist egal, wie das sein kann. Und es wird auch nur den allerstärksten von Euch möglich sein, diese Stimmen zu ignorieren. Den anderen kann ich nur raten, lasst es zu, aber lasst es Euch nicht ablenken. Akzeptiert die Stimmen, sprecht mit ihnen, wenn ihr wollt, wer weiß, ob es nicht Stimmen sind, die ihr für immer verstummt glaubtet. Hört, was sie zu sagen haben, schon so mancher hat hier oben wichtige Erkenntnisse gewonnen, aber haltet dabei den Blick auf Euren Vordermann gerichtet, achtet darauf, wo ihr hintretet und vor allen Dingen, weicht nie, niemals, egal was die Stimmen sagen, vom Weg ab! Jeder achtet auf seinen Vordermann!"

Beklommen nickten die Reisenden und danach setzten sie ihren Weg mit schweren Herzen aber leichteren Schritten fort.

Die Dunkelheit kam schleichend und mit ihr die Wölfe, deren hungriges Geheul nun die Stimmen im Wind übertönte.
Sie erreichten die zweite Rasthütte durchgefroren, verängstigt und am Ende ihrer Kräfte. Zwei Männer hatten sich leichte Verletzungen zugezogen, als sie im Schnee über Spalten gestolpert waren.

Die zweite Rasthütte war genauso aufgebaut wie die erste, doch dieses Mal rückte man enger zusammen und die Feuer fielen größer und heller aus. Niemand war dazu aufgelegt, Geschichten zu erzählen, dazu waren alle zu erschöpft. Sie aßen und tranken, teilten die Wachen ein und versuchten dann, ein wenig Schlaf zu erhaschen, während die Stimmen des Windes in ihren Träumen weiterflüsterten.

« Letzte Änderung: 17.Januar.2013, 04:07:46 von Alessariel »

Alessariel

Re: Die Reise über den Pass
« Antwort #2 am: 17.Januar.2013, 12:57:12 »
Während der Nacht kam die erste Attacke. Die Männer, die nachts hinaus mussten, um ihr Geschäft zu machen, konnten später nicht sagen, was genau es gewesen war, dass sie angegriffen hatte. Sie waren aber sicher, dass es keine Wölfe gewesen waren. Ihnen kam es vor, als hätten sich Schatten aus dem Schnee erhoben und sie zu Boden gerissen. Nur die Tatsache, dass sie sich nur zehn Schritte von der Hütte entfernt hatten, rettete sie. Als die Wache kam, flohen die schattenhaften Wesen und ließen zwei Männer blutend im Schnee zurück. Glücklicherweise waren ihre Verletzungen nur geringfügig.

Dafür nahm der Schneesturm in den Morgenstunden dermaßen zu, dass Fargur es nicht für sicher hielt, die Hütte zu verlassen. Vor dem Eingang türmte sich bereits eine riesige Schneewehe, die das hinauskommen erschwerte, und man sah die Hand vor Augen nicht. Das Heulen der Wölfe war nun ganz nahe und übertönte selbst das unablässige Heulen des Windes.

Den Tag verbrachten die Reisenden frierend und zitternd im Inneren der Hütte. Der Proviant wurde rationiert, das Holz ebenso, und Wachen auch den ganze Tag über eingeteilt. Diesen war es zu verdanken, dass eine Gruppe, die Schnee zum Schmelzen von Wasser sammelte, nicht den Wölfen zum Opfer fielen. Das Rudel war groß, der Leitwolf schneeweiß, auch wenn er keine roten Augen hatte, und die gut zwanzig Wölfe schienen hungrig und verzweifelt genug, um auch eine wehrhafte Beute anzugreifen.

Am Ende des Kampfes lagen fünf Wölfe und ein Mann, ein Händler, tot im Schnee. Da der Sturm zu schlimm war um Steine zu suchen, konnten sie ihn nur unter einem provisorischen Schneehaufen begraben. Die Stimmung danach war auf einem Tiefpunkt und alle hingen ihren eigenen düsteren Gedanken nach.

Anscheinend hatte der Kampf den Wölfen jedoch gezeigt, dass diese Beute allzu wehrhaft war, denn auch wenn sie sich weiterhin in unangenehmer Nähe hielten, so ließen sie sich doch bis Einbruch der Nacht nicht mehr blicken.

In der Nacht entzündeten die Reisenden auf Fargurs Geheiß ein Feuer im Inneren der Hütte direkt vor der Tür, um unerwünschte Eindringlinge fernzuhalten.

Alessariel

Re: Die Reise über den Pass
« Antwort #3 am: 18.Januar.2013, 01:16:53 »
Die Nacht hatte den Reisenden viel Kraft geraubt, denn kaum jemand hatte zwischen dem Toben des Windes, den Stimmen des Passes, dem Heulen der Wölfe und der Furcht und Kälte schlafen können.

Dazu kam, dass einige schworen, nun auch andere Dinge zu hören, merkwürdige Stimmen, unähnlich denen, die sie zuvor vernommen hatten, die in Sprachen redeten, die keiner von ihnen verstand. Ein Zischen und Kratzen schreckte sie in den frühen Morgenstunden auf. Es klang, als ob etwas um die Hütte schlich und nach einem anderen Eingang suchte.

Als endlich die Sonne aufging streckte Fargur seinen Kopf hinaus und befand, dass das Wetter sich soweit gebessert hatte, dass sie weiterreisen konnten.

Draußen war es nebelig, als sie aufbrachen und diejenigen, die am Ende der Gruppe gingen, sahen sich nervös nach allen Seiten um.
Der Wind war fast verstummt, und die Welt nahm durch den Nebel eine seltsam gedämpfte Qualität an.
Der eine oder andere fühlte sich bald, als seien sie alle letzte Nacht gestorben und würden nun als verlorene Seelen dazu verdammt sein, auf ewig diesen Pass entlang zu wandern.

Doch gegen Mittag hob sich der Nebel endlich als sie die tiefliegenden Wolken passierten und dem höchsten Punkt des Passes zustrebten. Über ihnen war nun blauer Himmel und es war schneidend kalt. Ihr Atem gefror in kleinen, dichten Wolklen vor ihren Mündern. Vor ihnen lag ein riesiges Schneefeld, blendend weiß von der Mittagssonne beschienen und ohne jegliche Orientierungszeichen.

Fargur pausierte kurz am Rande des Schneefeldes und nahm einen tiefen Zug aus seiner Lederflasche. Er beschattete die Augen mit einer Hand und sah sich um, suchend, den Horizont nach bekannten Landmarken absuchend. Der Schneesturm hatte alle Orientierungspunkte mit einem halben Meter Schnee überdeckt.

Die Gruppe drängte sich nervös zusammen. Obwohl die Umgebung fast friedlich schien, machte ihnen die blendend weiße Stille mehr zu schaffen als der Sturm der letzten Nacht. Fargur hierß sie erneut, sich mit Seilen aneinander zu knoten.

Endlich wagten sie sich in die endlose Weite vor. Vorsichtig, die Augen beschattend, tasteten sie sich langsam voran.

Die ersten paar hundert Meter verliefen friedlich und ereignislos. Doch dann, von einer Sekunde auf die andre, brach das Unheil über sie herein. Einer der Jäger, der ein paar Schritte abseits von der Gruppe ging, verschwand ganz plötzlich. Dss Seil zog plötzlich stramm und riss an denen, die vor ihm gegangen waren. Unerbittlich zog es sie zu einer Spalte, die nun unter dem Schnee sichtbar wurde, ein eisblauer Schlund, der tief hinabführte in den Berg. Der Jägersmann baumelte hilflos am Seil und prallte immer wieder gegen die glatten wändem, während er um Hilfe schrie. Glücklicherweise hatten die ersten drei dieser Gruppe alle Steigeisen an ihren Stiefeln und es gelang ihnen, sich gegen den Zug zu stemmen.  Langsam, milimeterweise gelang es ihnen, sich vom Rande des klaffenden Schlundes fortzubewegen.

Es schien Stunden zu dauern, während der Rest der Gruppe nur in stummen Entsetzen zusehen konnte. Endlich gelang es ihnen, mit vereinter Kraft den Jäger über den Rand der Felsspalte zu ziehen, wo er erschöpft liegen blieb. Der Rest der Gruppe musste sich vorsichtig einen sicheren Weg um die Spalte herum suchen. Nach einer kurzen Pause, die kaum ausreichte, um den Schrecken zu verdauen, trieb Fargur sie unerbittlich weiter.

Sie ließen das Schneefeld endlich hinter sich und begannen den langen Abstieg. Bald näherten sie sich wieder der Wolkengrenze, und zogen erneut durch die nebelverhangene Stille.
Die Luft lastete wie Blei auf den Gemütern und niemand sprach auch nur ein einziges Wort. Viele der reisenden schleppten sich nurmehr dahin, ihre Kraft nahezu aufgebraucht.

Als sie aus den Wolken auftauchten, fehlte der letzte der Gruppe. Sein Seil war glatt durchschnitten und baumelte lose im Schnee. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen, der Abenteurer war einfach verschwunden. Die Gruppe sah sich an, doch alle wussten, dass es völlig sinnlos war, im Nebel nach dem Vermissten zu suchen. Die zeit wurde bereits knapp, wenn sie die dritte Rasthütte noch erreichen wollten. Schweren Herzens gingen sie weiter.

Der Wind frischte wieder auf und es begann erneut zu schneien und mit Einbruch der Dunkelheit tanzten überall kleine Schneewirbel um sie herum, die sie zu verspotten schienen. Einige glaubten, dass die Schneeteufel sich den fehlenden Mann geholt hatten, doch keiner konnte es mit Sicherheit sagen. Vielleicht hatte er das Seil auch selbst durchschnitten und war zurückgewandert zu den Stimmen des Passes, auf ewig verloren an etwas, das nur in seinem Geist existierte.

Sie erreichten die letzte Rasthütte lange nach Eindruch der Dunkelheit, müde, frierend, hungrig und zerschlagen. Sie hatten kaum genug Kraft, die Feuer zu entzünden und den Schnee zu schmelzen.
Einigen ging der Proviant aus. Fargur sprach ein Machtwort und obwohl einige murrten, legten sie ihren Proviant schließlich zusammen, so dass alle satt wurden. Der Bergführer wusste, dass die Reisenden in ihrem geschwächten Zustand ohne Nahrung den letzten Abschnitt der Reise nicht überleben würden. Von jetzt an ging es zwar stetig bergab, doch dafür wurde der Boden mit jedem Schritt tückischer und die Gefahr von Lawinen größer.
« Letzte Änderung: 18.Januar.2013, 01:19:11 von Alessariel »

Alessariel

Re: Die Reise über den Pass
« Antwort #4 am: 18.Januar.2013, 01:39:33 »
Der letzte Tag des Abstiegs dämmerte herauf. Alle Reisenden waren müde und zerschkagen. Kaum einer,der die Überquerung ganz ohne Blessuren oder blaue Flecke überstanden hatten. Einigen waren die Finger oder Zehen beinahe erfroren. Sie alle sehnten sich nur noch nach dem Ende des Weges.

Fargur berichtete ihnen bei dem kargen Frühstück, das die letzten ihrer Proviante aufbrauchten, von dem tal auf der anderen seite, vom Schwarzeisfluß, der um diese Jahrezeit oft Hochwasser führte, und von den Annehmlichkeiten des Gasthauses, dass ihnen in der nächsten nacht Unterschljupf gewähren würde.

Das spornte alle an, noch einmal ihr Bestes zu geben.

Als sie sich wieder an den Abstieg machten, wurden sie von Krähen begleitet, die wie schwarze kleine Wolken mit dem Wind segelten. Die Stimmen der Vögel, die von den Bergwänden wiederhallten, klangen in den Ohren der Reisenden traurig und unheilvoll.

Zweimal hörten sie das ferne Grollen einer abgehenden Lawine. Beide Male hieß fargur sie einhalten und beobachtete den Berg eingehend, denn auch eine ferne lawine mochte schnell dazu führen, dass ein ganzer Steilhang ins Rutschen geraten konnte. Er trichterte ihnen ein, dass, wenn er ihnen befahl, dass sie loslaufen sollten, sie nicht zurückblicken und alles stehen und liegen lassen sollten. Mit der donnernden Zerstörungsgewalt einer Lawine war nicht zu spaßen.

Am frühen Nachmittag passierten sie gerade einen kleinen Überhang, als das charakteristische Geräusch von Tausend Tonnen Schnee plötzlich ganz in der Nähe ertönte. Sofort scheuchte Fargur seine Schützlinge unter einen Überhang und  hieß sie, sich fest an die Felswand zu drücken. Der Schnee schoß in Kaskaden über sie hinweg, während sie sich entsetzt zusammenkauerten. Manche beteten stumm, andere schrien vor Angst. Endlich war es vorüber.

Es dauerte, bis sie nicht mehr so stark zitterten, dass sie ihren Weg fortsetzen konnten. Die Luft wurde nun  etwas milder, doch noch immer bedeckte Schnee den Boden und tückisches Glatteis forderte mehr als einmal seinen Tribut an Stürzen.

Jetzt knirschen Eure Stiefel auf dem Kies der ausgetretenen und ausgewaschenen Pfade während Ihr Eure Wollumhänge enger um Euch zieht. Den heftigen Schneefall des Passes habt Ihr überwunden, die Lawinen, den eisigen Wind. Es ist kalt, Eure Schuhe sind vom Schmelzwasser durchgeweicht und jeden abgestiegenen Höhenmeter scheint sich die Beschaffenheit des Bodens zu ändern, mal überfroren, mal harschiger Schnee. Welch grimmes Schicksal jeden von Euch auf den Weg über den Flüsterwindpass gebracht haben mag, Ihr alle sehnt das Ende dieser Passage nur zu sehr herbei.

Noch habt Ihr einen langen Weg vor Euch, doch einen kleinen Lichtblick gibt es: Zum Abend hin solltet Ihr die Furt des Schwarzeisflusses erreichen, an der ein Gasthaus Euch Unterschlupf gewähren wird. Eile ist geboten, denn all zu früh wird es dunkel werden. Unheilvoll kriecht die Dämmerung über die Berggipfel und überzieht den Weg mit langen kalten Schatten. Sie bringt Euch eine Vorahnung der eisigen Nacht und der Wesen, die in ihrem Schutze auf die Jagd gehen. Und dieser Tage sind die Nächte lang.

„Es ist nicht mehr weit, vielleicht noch eine halbe Stunde.“, verspricht Euch Fargur großspurig. „Hinter der Wegbiegung da vorne müsste man schon die Fenster des Gasthauses sehen können.“ Jeder, aber auch wirklich jeder von Euch strengt seine Augen an, sucht nach dem Licht in der Dunkelheit, und endlich seht ihr einen Schimmer auf dunklen Wassern. Die Hoffnung auf ein Bett und ein warmes Feuer geben Euch neue Kraft für Eure Schritte. Bald werdet Ihr in Sicherheit sein …


 

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