Falkenorga



Autor Thema: Eine Sage  (Gelesen 1089 mal)

Alessariel

Eine Sage
« am: 23.Januar.2013, 12:52:31 »
Es kursiert eine alte Geschichte um das Gasthaus bei der Furt am Schwarzeisfluß ....

Des Holzfällers Töchter

Es kam einst ein armer Holzfäller über den Flüsterwindpass, der hatte großes Unglück erlebt. Seine Frau war bei der Geburt seiner dritten Tochter gestorben. Der trauernde Holzfäller versuchte, eine Amme für das Neugeborene zu finden. Er verwandte all das Geld, dass er mühselig zusammengespart hatte darauf, doch am Ende starb das kleine Mädchen. Mittellos und alleine musste der Holzfäller seine Hütte aufgeben und mit seinen beiden älteren Töchtern zusammen fortziehen.

Die beiden Mädchen waren der einzige Trost des Holzfällers in dieser schweren Zeit.
Sie waren beinahe gleichaltrig und standen sich so nahe, wie sich Schwestern nur stehen können. Doch dabei waren sie so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Die Ältere war schön wie der Tag, mit langen goldblonden Locken, kornblumenblauen Augen und einer zarten weißen Haut. Die Jüngere aber war von so geheimnisvoller Schönheit wie eine mondklare Nacht, mit rabenschwarzen glatten Haaren und schwarzen Augen, die wie Sterne funkelten. Niemals hätte man vermutet, dass beide von den gleichen Eltern stammten.

Beide waren von schlanker Gestalt und aufgewecktem Wesen und der ganze Stolz ihres Vaters. Sie waren fleißig und verständig und konnten alles, was man ihnen auftrug, alsbald fehlerlos ausführen. Beiden sangen zudem so süß wie die begabteste Nachtigall.

Sie kamen im Spätsommer über den Pass und hatten einen leichten Übergang, was auch gut war, denn sie hatten nur wenige Vorräte. Als sie zur Furt des Schwarzeisflußes kamen, war ihnen das letzte Brot, das sie bei sich hatten, gerade ausgegangen. Der Holzfäller ging zu dem Wirt des Gasthauses an der Furt und fragte, ob er bei ihm gegen Kost und Unterkunft für sich und seine Mädchen arbeiten könnte.
 
Der Wirt betrachtete den Mann und sah, dass er zwar ärmlich gekleidet war aber ansonsten eine ehrliche Haut zu sein schien. Auch rührten ihn die beiden Mädchen, denen man trotz ihrer wohlgefälligen Gestalt das entbehrungsreiche Leben ansah, dass sie hatten führen müssen.

"Mich rührt Euer hartes Schicksal. Schlage Du für mich genug Klafter Holz, dass ich über den Winter komme. Deine Töchter sollen meine Gäste bedienen und für sie singen, denn gerade sind mir wieder zwei Mägde davongelaufen. Dann könnt ihr hier übernachten und bekommt genug von mir zu essen, solange wie Du brauchst, um das Holz zu schlagen."

Der Holzfäller war froh über das Angebot und nahm es gerne an. Das Gasthaus sah einladend aus und machte einen gepflegten Eindruck. Es gab auch genügend Gäste, alles Reisende, die über den Pass kamen oder hinüber wollten. Merkwürdig war nur, dass keine Einheimischen in das Gasthaus zu kommen schienen.

Die beiden Mädchen wurden in die Küche geschickt, wo eine junge Magd bereits das Feuer für das Abendessen schürte. Die Küche war gut bestückt und warm, und trotzdem sah die Magd blass aus und zitterte. Die Schwestern sahen einander an und wunderten sich sehr darüber.

Sie halfen wo sie konnten derweil ihr Vater in den Wald ging und mehrere Klafter Holz vermaß, dass er in den nächsten Tagen zu schlagen gedachte. Abends servierten die Mädchen das Essen, das gut und reichlich war, und setzen sich danach an das Feuer und sangen auf das schönste für die Gäste.

Die Nacht brach herein. Der Holzfäller sollte in der Scheune im Heu schlafen und auf die Tiere acht geben, seine Töchter teilten sich die Gesindestube mit der jungen Magd. Diese wurde unruhiger und ängstlicher, je näher die Schlafenszeit rückte.

Schließlich legten sich die Mädchen zur Ruhe. Der Wind strich leise um das Gasthaus und rauschte durch die Blätter der Bäume. Die Schwestern schliefen tief und fest, bis ein markerschütternder Schrei sie weckte. Aufgeschreckt sahen sie, dass sich die junge Magd in ihrem Bette hin und her wand wie im Fieberwahn. Was sie auch taten und versuchten, sie konnten die Magd nicht wecken. Endlich wurde sie von selbst still und lag nun leichenblass da und schien zu schlafen.

Die Schwestern waren besorgt, konnten aber nichts für sie tun und endlich legten sie sich wieder hin. Als sie am nächsten Morgen erwachten, war die Magd verschwunden, das Bett leer und kalt und die Laken ordentlich gefaltet.

Als sie nach unten gingen, war die Magd nirgends zu finden. Auch der Wirt und die Wirtin hatten sie nicht gesehen. Beide schienen ob des Verschwindens der Magd allerdings nicht überrascht.

Der Tag verging wie der davor, der Vater ging in den Wald um Holz zu schlagen derweil die Mädchen sich im Hause nützlich machten. Abends legten sie sich in ein Bett, denn sie fürchteten sich vor der Dunkelheit. Die Magd war nicht wiedergekommen.

Beide schliefen sehr unruhig und erwachten schweißgebadet. Sie sahen einander an und merkten gleich, dass mit der andren auch etwas nicht stimmte.

"In meinen Träumen sah ich einen Schatten über die Sonne ziehen und der Gesang der Vögel verstummte. Der Sommerwind wurde ganz kalt und ich hörte ein unheimliches Stöhnen wie aus vielen Kehlen. Dann war mir als würde sich der Erdboden auftuen und ich fiel hinein und fiel und fiel und wusste, wenn ich auf den Boden träfe, müsste ich sterben.", sagte die ältere Schwester.

"Ich träumte davon, dass ein Nebel den Mond verschluckt hatte. Raureif bedeckte alles rings um mich herum und plötzlich brach der Boden auf und eisiges Wasser strömte heraus. Es griff nach mir und zog mich in einem Strudel hinab, bis ich in Eis zu ertrinken drohte.", sagte zitternd die jüngere Schwester.

Die Mädchen sahen einander an und beschlossen, ihrem Vater nichts von den Träumen zu erzählen. Er hatte schon genug Sorgen für ein ganzes Leben gehabt und es waren ja nur Träume gewesen.

Doch die Träume kehrten wieder und wurden schlimmer. Auch mehrten sich merkwürdige Vorkommnisse. Eines Morgens stand das Bett der Mädchen mitten in einer Pfütze, doch es hatte seit Tagen nicht geregnet. Des Nachtens hörten sie huschende Schritte und vermeinten auch, Stimmen im Wind zu vernehmen. Einmal klopfte es mitten in der Nacht laut und gebieterisch an ihre Tür, doch als sie mit klopfenden Herzen öffneten, stand niemand davor.

Kurz darauf geschah etwas sehr Unheimliches. Die Mädchen wurden mitten in der Nacht von einem fürchterlichen Schrei geweckt, der ihnen das Blut in den Adern gefrieren und sie sich unter die Decke flüchten ließ. Doch als sie am nächsten Morgen fragten, wer denn da so geschrien habe und warum, sahen die Wirtsleute sie nur verwirrt an und erklärten, niemand habe geschrien. Auch die Gäste hatten nichts dergleichen gehört, auch wenn einige über einen unruhigen Schlaf oder nächtliche Geräusche klagten.

Ob des Mangels an Schlaf wurden die Mädchen immer blasser und dünner, bis es schließlich dem Vater auffiel. Er stellte die beiden zur Rede und bekam mit Mühe endlich heraus, dass sie sehr schlecht schliefen. Beunruhigt berichtete er ihnen darauf, dass auch er selbst schlimme Träume hatte.

„Mir träumte, ich sähe einen silbern schillernden Fisch, der war aus dem Wasser ans Ufer gesprungen. Direkt daneben lag ein prachtvoller Vogel mit goldfarbenem Gefieder, der schlug mit seinen Flügeln und konnte nicht fortfliegen. Ich nahm den Fisch und warf ihn in das Wasser, damit er dort schwömme und glücklich sei, doch der Fisch krümmte sich unter Wasser noch schlimmer als an Land und trieb endlich mit dem Bauch nach oben davon. Da nahm ich den Vogel und warf ihn hoch in die Luft, auf dass er davonfliegen und glücklich sein könne. Doch der Vogel schlug vergebens mit den Flügeln, sie trugen ihn nicht und er stürzte einen Abhang herab und blieb mit zerbrochenen Gliedern unten liegen. Da weinte ich sehr, ich weinte rote Tränen, die den Boden zu meinen Füßen färbten.“

Die drei sahen einander an und die Mädchen zitterten und umarmten ihren Vater.

„Aber wie kann das sein, Vater? Uns geht es doch gut hier, wir haben seit langer Zeit einmal nichts auszustehen, warum dann diese unheilvollen Träume?“

„Ich weiß es nicht, meine Töchter, aber es ist so: Beim Holzschlagen treffe ich manchmal auf eine Kräuterfrau oder einen Fischersmann. Sie haben mir erzählt, auf diesem Ort hier läge ein Fluch. Daher kommt niemand aus der Gegend in diese Taverne und die Mägde halten es nie lange aus oder verschwinden gar.“

„Sollten wir fortgehen, Vater?“ fragte die ältere Tochter.

„Wohin sollen wir gehen, meine Tochter? Der Herbst ist schon da. Wir haben hier unser Auskommen und die Wirtsleute sind freundlich zu uns. Sicher können wir hier den Winter verbringen, wenn wir ihnen gut helfen. Zögen wir jetzt fort, so wäre unser Schicksal ganz und gar ungewiss. Flüche und dergleichen sind nur Traumgespinste aus der dunklen Nacht, der Hunger aber ist real, wie auch die Kälte des Winters.“

Die Töchter stimmten ihm zu und so blieben sie, trotz der Träume, die sie weiterhin quälten.

Der Winter zog ins Land und die drei stellten sich so gut an, dass die Wirtsleute ihnen eine feste Anstellung anboten, dem Holzfäller als Knecht und seinen Töchtern als Mägde, denn so lange wie sie hatte es vorher noch keine ausgehalten.

Der Strom der Reisenden nahm ab, als der Pass langsam zuschneite und endlich kamen keine Reisenden mehr. In einer dunklen Nacht mitten im tiefsten Winter, als der Schnee bereits eine halbe Mannslänge hoch um das Gasthaus lag, klopfte es plötzlich dröhnend an die Tür. Die Wirtin öffnete. Vor der Tür stand ein Fremder, gehüllt in einen schwarzen Umhang, die Kapuze so tief in das Gesicht gezogen, dass man nur das Blitzen seiner Augen sah. Er bat um Unterkunft und da er gutes Silber vorzuweisen hatte, ließ die Wirtin ihn gerne ein. Der Mann verlangte das beste Zimmer, sowie Wein und guten Braten, frisches Brot und einen Kuchen als Nachspeise. Die Münze, die er dafür der Wirtin in die Hand drückte, war schwer und von goldener Farbe. Die Wirtin verbeugte sich tausendfach und lief eilfertig zur Gesindestube. Sie weckte die Schwestern und hieß sie, den Ofen anzuheizen, Braten zu bereiten und Brot und Kuchen zu backen.

Die beiden taten wie ihnen geheißen, derweil ihr Vater das große schwarze Ross des Fremden versorgte. Es fiel ihnen nicht ein, sich zu wundern, wo der Fremde hergekommen war, noch dazu hoch zu Pferd, wo man um diese Jahreszeit den Pass nicht einmal zu Fuß und schon gar nicht zu Pferde überqueren konnte.

Die Wirtin brachte dem Fremden das Essen auf sein Zimmer. Der wars zufrieden und nachdem er gespeist und getrunken hatte, ließ die Wirtin die Mädchen das Geschirr abtragen. Beide fühlten einen unerklärlichen Schauer, als die dunklen Augen unter der Kapuze, die der Fremde nicht abgenommen hatte, ihnen zu folgen schienen. Der Vater kam herein und meldete, dass er das Pferd aufs Beste versorgt habe. Er durfte in den kalten Wintermonaten im Haus schlafen, da es kaum Gäste gab.

Nachdem die Schwestern ihre Pflichten erledigt hatten, fiel das Haus in die Ruhe des Nachtschlafes. Die Mädchen lagen gemeinsam in einem Bett, denn wieder einmal hatten sie große Angst vor der Dunkelheit und trösteten sich gegenseitig, wenn sie von ihren schlimmen Träumen gepeinigt wurden. Endlich schlummerten sie ein und schliefen zur Abwechslung einmal tief und traumlos.

Es war der Wind, der sie weckte. Er pfiff um das Haus, zog durch jede Ritze. Es war kalt im Zimmer, so dass sie ihren Atem als Wolke sehen konnten. Durch einen Spalt in den Fensterläden konnten sie den bleichen Mond sehen, der die Farbe alter Knochen hatte. Ein Nebelschleier zog daran vorbei. Der kalte Fluss gluckste leise unter der dicken Eisschicht.

Die beiden hörten ein schlurfendes Geräusch. Wie Schritte, die langsam, sehr langsam, immer näher kamen. Kalt vor Angst klammerten sie sich aneinander. Wer schritt da um diese Zeit mit so einem seltsam platschenden Geräusch durch die Gänge des Gasthauses?

Immer näher kamen die Schritte, näher und näher, bis sie direkt vor der Tür der Stube angekommen waren. Dort verharrten sie und es wurde still. Die Schwestern zitterten so stark, dass ihre Zähne klapperten. Dann gab es ein grauenvolles knarzendes Quietschen. Raureif kroch unter der Türritze hindurch. Langsam senkte sich die Klinke.

Die ältere Schwester umklammerte ihre jüngere Schwester und beiden starrten mit weit aufgerissenen Augen auf die schemenhafte dunkle Tür, die sich nun knarrend langsam auftat.

Ein dunkler Schatten zeichnete sich gegen das Geviert der Tür ab. Er schwankte leicht hin und her.

„Wo seid ihr, meine Lieblinge …“ erklang eine raue, brüchige Stimme. Das Grauen schnürte die Kehlen der Mädchen zu, so dass sie keinen Laut von sich geben konnten.

Der Schemen schlurfte nun in das Zimmer hinein. Er ging gebeugt und schien sich mehr vorwärts zu tasten als dass er sah wohin er ging.

Langsam, fast spinnengleich, tasteten lange blasse Finger sich voran, bis der Schatten direkt vor dem Bett der Mädchen stand.

„Vögelchen... warum fliegst Du nicht ...? Fischlein, warum schwimmst Du nicht ...?“ sagte die brüchige Stimme.

Da fiel ein Strahl Mondlicht durch die Ritze im Fensterladen. Die Mädchen erkannten mit tödlichem Entsetzen das Antlitz ihres Vaters. Doch dort wo seine Augen sein sollten, waren nur leere dunkle Höhlen, aus denen blutige Tränen zu Boden tropften.

Endlich löste sich der Bann und die beiden Mädchen schrien. Doch es war zu spät.


Am nächsten Morgen stand das Wirtspaar auf und wunderte sich über die roten Flecken, die sich über den ganzen Flur zogen. Die Betten des Vaters und seiner Töchter waren leer und kalt, die Laken ordentlich gefaltet. Auch der großzügige Fremde war verschwunden, als ob es ihn nie gegeben hätte. Nur die Goldmünze zeugte noch von seiner Anwesenheit.

Drei Paar Spuren führten von der Tür des Gasthauses fort. Als die Wirtsleute ihnen mit unguten Ahnungen folgten, machten sie eine beunruhigende Entdeckung. Eine Spur endete am Fluss, wo ein Loch im Eis war, so als ob etwas Schweres in das eiskalte Wasser geworfen worden war. Eine weitere Spur endete an einem steilen Abhang, so als ob etwas Schweres dort herabgefallen war.
Die dritte Spur war begleitet von dunkelroten Flecken im Schnee und sie hörte mitten in der Wildnis plötzlich auf.

Die Wirtsleute, die schon seit langem durch die vielen merkwürdigen Vorkommnisse beunruhigt waren, beschlossen, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehe. Sie packten noch am gleichen Tag ihre Habseligkeiten und zogen fort. Das Gasthaus wurde im Frühjahr an einen neuen Wirt verkauft, der nicht aus der Gegend stammte.

Der Holzfäller und seine Töchter aber wurden nie wieder gesehen.


Ende

Offline Käffke

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Re: Eine Sage
« Antwort #1 am: 23.Januar.2013, 13:33:51 »
Ui! Sehr Schaurig!!!

Das hättest du noch vor der Con posten sollen, um noch mehr angst zu schüren! Und dann natürlich darauf zurückgreifen müssen auf der Con! ^^
Theyben: Lauft Freunde! Der Blutmond ruft!
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Johann Kachner:
Regel Nummer 7:
Geh' nie ohne Hut aus dem Haus!

Offline Sharagon

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Re: Eine Sage
« Antwort #2 am: 23.Januar.2013, 13:36:31 »
Oooh ja wow sehr genial geschrieben!!

Wenn ich jetzt so an die Ereignisse und erkenntnisse der Con zurückdenke... habe ich eine angstvolle Ahnung, wer die Magdt, welche fortlief, gewesen sein könnte.. o_O

"Ihr habt geschworen mich zu beschützen! Doch wo wart Ihr? WO WART IHR?"

Offline Theodora

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Re: Eine Sage
« Antwort #3 am: 23.Januar.2013, 14:02:27 »
Waaah! Genial!
Du schreibst so schön und so fiese Dinge  ;D
"Freiheit ist ein tückisches Gift, das die Seele durchtränkt. Wer einmal von ihr gekostet hat, der verrät seine Liebsten um sie sich zu erhalten. Ich verzichte auf die Freiheit und habe daher auch keinen Grund jene zu betrügen, die mir ihr Vertrauen schenken." - Dienerin aus Leidenschaft

 

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